Die Kunst zu arbeiten – ein Manifest mit 12 Thesen

Vienna Biennale Circle

Ausstellungsgestaltung, Illustration, Inhalt, Text

Der Vienna Biennale Circle wurde 2015 von Christoph Thun-Hohenstein, Direktor des MAK – Museum für Angewandte Kunst Wien als diskursives Forum des positiven Wandels initiiert.
In einer Gruppe von KritikerInnen, KünstlerInnen, Philosophinnen, WissenschafterInnen und DesignerInnen galt es, zukünftige Schlüsselthemen gesellschaftlicher Entwicklung im Blickwinkel der digitalen Moderne auf den Punkt zu bringen.

Rasch kristallisierte sich in einem kollaborativ geführten Diskussionprozess „Arbeit“ als zentraler Ankerpunkt zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklung heraus.

In ihr bilden sich die Folgen der digitalen Revolution signifikant ab. Zugleich wird unser Leben erleichtert, Prozesse aber auch rationell optimiert. Es gilt, Arbeit neu zu definieren und zu erfinden, wenn Routinearbeit zunehmend durch Maschinen übernommen wird. Kreativität nicht nur zur Gestaltung dieser Prozesse, sondern auch für die Neuerfindung von Arbeit einzusetzen, fordert uns heraus.

Arbeit zugleich mit einem neuen Arbeitsmodell zu diskutieren, war programmatischer Bestandteil des Experiments. Wir als DesignerInnen brachten uns in der Recherche, Verdichtung der Thesen und in der Formulierung ebenso ein, wie andere Teammitglieder in die visuelle Gestaltung. Ein neues, ganzheitliches Entwerfen mit direkten Feedbackschleifen brachte tatsächlich neue Resultate.

Die 12 Thesen, die zu Inspiration und breiterem gesellschaftlichen Diskurs anregen, begleiteten die Vienna Biennale als kommentierende Ausstellung.

Arbeit darf nicht Luxus werden

Die Digitale Moderne hat weitreichende Konsequenzen für das Verhältnis von Mensch und Maschine. Dies betrifft besonders menschliche Arbeit, und zwar sowohl manuelle als auch geistige Tätigkeiten.

Es ist davon auszugehen, dass in den kommenden Jahrzehnten ein erheblicher Teil manueller und geistiger Routinejobs durch Vollautomatisierung ersetzt wird. Angesichts der enormen Lernfähigkeit digitaler Maschinen sind aber auch Jobs, die bisher nicht als Routine angesehen wurden, zunehmend gefährdet.

„Alte“ menschliche Arbeit wird damit zum knappen Gut und muss durch kluge Maßnahmen weiterentwickelt werden, damit sie nicht zum Luxus von Eliten wird.

Ein zentraler Ansatz für nachhaltige „neue“ Arbeit ist menschliche Kreativität.

Wir müssen hart arbeiten, um neue Arbeit zu erfinden

Auf der Suche nach Arbeit: Zwischen Stellenanzeigen, Blindbewerbungen und Bewerbungsgesprächen ist der Kreislauf der Arbeitssuche geschlossen. Er verschließt sich der sozialen Innovation.

Zwischen globalisiertem Networking und digitaler Permanentkommunikation steigen Konkurrenzdruck und Isolation. Zwischen Assessment-Center, Head Hunters, Human-Resources-Management und Arbeitsamt bleiben weder Raum noch Zeit, die Suche nach Arbeit als neue Gesellschaftsperspektive zu entwickeln.

Was wäre, wenn das Erfinden von Arbeit an die Stelle der Jagd nach Arbeitsplätzen treten würde? Was wäre, wenn geteilte Arbeit an die Stelle von Arbeitsteilung treten würde? Was wäre, wenn Zusammenarbeit an die Stelle der Konkurrenz – alle gegen alle – treten würde?

Es wäre den Versuch wert, Arbeit anders zu suchen.

Bei aller Begeisterung für die Wunder der digitalen Revolution kann der Mensch kein Interesse haben, überflüssig zu werden. 

Die erfolgreichsten Firmen von morgen beginnen als Start-ups von heute zu verstehen, dass Menschen durch immer brillantere digitale Werkzeuge nicht erniedrigt, sondern in ihrer Bedeutung und Würde erhöht werden wollen.

Gefragt sind Unternehmen, denen es gelingt, digitale Intelligenz mit menschlichen Eigenschaften wie kreativer Neugier, handwerklichem Können, sozialer Kompetenz, Empathie, Feinsinnigkeit und Verantwortung für die Umwelt zu verknüpfen.

Die besten Geschäftsmodelle der Zukunft ermöglichen uns, im gekonnten Zusammenspiel mit der Maschine die Welt positiv zu ändern und dabei auch noch Spaß zu haben.

Den heutigen Herausforderungen gewachsen zu sein, erfordert neue, unerprobte Denk- und Handlungsweisen – sprich: Kreativität.

War diese lange Zeit dem rein künstlerischen Schaffen zugeordnet, wird sie nun zu einem zentralen Faktor im Gesellschaftswandel, der alle Lebensbereiche betrifft. Wir wissen heute aus der Gehirnforschung, dass jeder Mensch kreativ ist. Wir müssen unsere Kreativität nur zu nutzen verstehen. Das leben uns KünstlerInnen und Kreativschaffende vielfach vor.

Entwickeln wir ein neues Verständnis von Kreativität als Mittel zur persönlichen Potenzialentfaltung und Sinnstiftung, um Arbeit – manuelle und geistige – und damit wirtschaftliches Handeln als zukunftsfähige
Gestaltung unserer sozialen Umgebung zu sehen!

Für die Zukunft der Arbeit braucht es Menschen, die den Mut zu neuartigen, bisher kaum erprobten Jobs aufbringen.

Zugleich sind wir alle als KonsumentInnen gefordert, Mut zu beweisen, denn die Leistungen neuer Arbeit wollen auch nachgefragt sein. Damit wird jede Konsumentscheidung zur Richtungsentscheidung menschlicher Arbeit.

Während der Kauf automatisiert hergestellter globaler Billigware die Mainstream-Ketten bereichert, steigert die Nachfrage lokaler und regionaler Produkte die eigene Lebensqualität.Selbst ein höherer Preis rentiert sich rasch, wenn das Produkt besser und langlebiger ist sowie freudiger benutzt wird!

Wir brauchen einen Einstellungswandel: kreative Menschen für neue Arbeit und qualitätsbewussten Konsum!

Unternehmen produzieren und vertreiben Produkte, für die es eine hinreichend große Nachfrage gibt. Dies war bisher die dominante Logik für viele Wirtschaftstreibende.

In Zukunft werden Infrastrukturen und Technologien zur Verfügung stehen, die es Individuen ermöglichen, Produkte nach eigenem Geschmack und Bedarf zu gestalten und herzustellen.

Mittels dem Internet der Dinge und 3-D-Druckern erfolgen Entwicklung und Produktion zunehmend zuhause bei den KundInnen, die damit zu „Prosumers“ werden, also das produzieren, was sie konsumieren. Den Einzelnen eröffnen sich damit neue Entfaltungsmöglichkeiten für kreatives Gestalten und Produzieren.

Aus dem Individuellen, Lokalen und Besonderen entstehen Impulse für neuartige Formen der Produktion und des Konsums.

Handwerk ist kein Trend, sondern Zukunft! Die Wiederentdeckung und Wertschätzung bewährter Materialien und Techniken beinhaltet die Chance, lokal und ressourcenschonend zu wirtschaften.

Handwerk ist nicht Luxus für einige wenige, sondern eine notwendige Strategie für die gesamte Gesellschaft. Durch die Qualität und Langlebigkeit handwerklicher Produkte ist Nachhaltigkeit garantiert – sie sind es wert, repariert und an die nächste Generation weitergegeben zu werden.

Damit sind sie auf längere Sicht günstiger als billige Massenprodukte, die unter nicht nachvollziehbaren Umständen hergestellt und erst mittels Werbung mit einer künstlichen Biografie aufgeladen werden.

Welches Potenzial Handwerk birgt, zeigen neue Formen von „shared communities“ – wie gemeinschaftlich genutzte Werkstätten und Repair-Cafés.

Mit der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung von Produktions- und Geschäftsprozessen geht sowohl der Verlust traditioneller Jobs als auch die Entstehung neuer Jobprofile einher. 

Dabei ist ein Trend zu immer komplexeren Jobs zu beobachten. Neue Dienstleistungen sowie neue Geschäftsformen und -modelle sind gefragt. Um diese Möglichkeiten zu nutzen, braucht es spezialisiertes Wissen und neue Fähigkeiten, die das traditionelle Bildungssystem noch nicht vermittelt. Kreativität und Offenheit im Umgang mit neuen Technologien, Arbeitsformen und Geschäftsmöglichkeiten sind dabei wesentlich.

Für die Zukunft der Arbeit sind sowohl das Bildungssystem als auch die Menschen selbst gefordert, sich an neuen Anforderungen auszurichten und sich weiterzuentwickeln.

Wettbewerb belebt das Geschäft, heißt es. Welche Geschäfte aber bereichern unser Leben? 

Wenn wir Sinn vor Gewinn und Kooperation vor Konkurrenz stellen, können wir wirtschaftliches Handeln neu gestalten. Dafür gibt es bereits Beispiele: von der Gemeinwohlökonomie über die „sharing economy“ – teilen statt besitzen – bis zur Open-Source-Wissensweitergabe.

Teilen heißt aufteilen und gemeinsam nutzen. Das schafft Arbeit und spart Ressourcen. Teilen wir unsere Ideen, unseren Arbeitsplatz,unsere Werkzeuge, unsere Kontakte! Bilden wir Netzwerke statt starre Strukturen! Das hilft nicht nur den großen, sondern vor allem den kleinsten Unternehmen.

Kooperation liegt uns, aber sie muss entwickelt werden.

Muh!